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Künstlerin sein – ist ein Zustand, der ist. Oder nicht! Auf die Frage, wann Marion Rauter zu malen begonnen hat, antwortet sie, dass sie schon immer gemalt hat. Künstlerin sein – ist ein Zustand, der auf Marion Rauter zutrifft.

Ihre Ausstellungstätigkeit geht auf das Jahr 1991 zurück, seit 2001 ist sie jährlich in einer oder mehreren Ausstellungen vertreten. Ihre Werke finden sich auch in öffentlichen Sammlungen.
Marion Rauters Œuvre lässt sich in drei große Werkkomplexe fassen. Ausgehend von „Life Style“, die thematisch stark umrissene Serie „Muskelspiele“, und schließlich die Arbeiten seit dem Jahr 2011. Obwohl sie ihre Werke in Serien zusammenfasst, stehen die einzelnen Arbeiten für sich. Immer jedoch ist der Mensch im Fokus ihrer malerischen Auseinandersetzung. Ihre Erfahrungen aus der Arbeit in Werbeagenturen haben die Künstlerin zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema „Life Style“ gebracht. Dabei hat sie Bilder von Menschen aus den Medien ausgewählt und diese bildlich verarbeitet. Die Oberfläche, das Image, die Verpackung, wie sie in der Werbung so wichtig sind, spielen hier eine große Rolle. Doch Marion Rauter-Wieser belässt es nicht bei diesen Qualitäten. Ihre Bilder sind nicht glatt oder ansprechend, in dem Sinne was gefällig ist. Sie bedient sich der Ästhetik von Hochglanzmedien, fügt ihnen Brüche und Widersprüche zu und lädt sie somit subjektiv auf. Die Darstellungen sind ansprechend, weil sie persönlich berühren. Ebenso wie Marion Rauter-Wieser hat der Schweizer Künstler Daniele Buetti in den 1990er Jahren Werbebilder als Grundlage herangezogen, aber im Gegensatz zu Rauter-Wieser, die anhand dieser mit den Mitteln der Malerei eine eigene Formensprache und Bildästhetik findet und zum Ausdruck bringt, hat jener physisch Hand angelegt. Die menschliche Verletzlichkeit ist beiden immanent.
Der von Marion Rauter-Wieser geschaffene Bildraum von „Life Style“ ist ein anonymer, der sich in Flächen, Ausschnitten und Einschnitten teilen lässt. Sind die dargestellten Menschen erst abgeschnitten, wie in „Life Style I“ und „Life Style II“, treten sie in weiterer Folge aus dem Ausschnitt hervor, wie in „Life Style III“ und „Life Style IV“. Sie nehmen mehr und mehr Raum in Anspruch bis sie ihn völlig ausfüllen, wie in den Arbeiten „Life Style V“, „Life Style VI“ oder „Entfremdet“. Und dennoch – immer wieder völlig beschnittene Körper ohne jeglichen Augenkontakt zur Außenwelt. Das Körperliche abgetrennt vom ganzheitlichen menschlichen Sein. Und der Titel? „Bauchgefühl“! Ein Ausdruck, der für das Sein und das Fühlen steht, wird zum Synonym für die Entzweiung von Körper und Seele. Ein steter Kampf des Menschen im Raum ist den Werken Marion Rauter-Wiesers zu eigen. Kaum haben die Dargestellten den Bildraum mit ihrer Körperlichkeit für sich eingenommen – „Entfremdet“ – so sind sie auch schon wieder an den Rand gedrängt. Im Werk „Lila“ breitet sich Bildraum als diffuses Nichts aus und dringt formal in die menschliche Haut ein. Er wird übermächtig, wie in „Moment“ oder bedrückend, wie in „Schöne Geliebte“. Der Konflikt des Menschen in seiner ganzen Verletzlichkeit und Verwundbarkeit, der Gefahr ausgesetzt sich einem äußerlichen Zwang, sich dem Gefallen zu beugen, ihm die Stirn zu bieten und sich diesem zu widersetzen, bildet den Themenkomplex dieser Serie.
Als Betrachter*in finden wir uns wieder in Marion Rauters Arbeiten. Sie sprechen uns direkt an und berühren uns. Dieses Berührtsein ist es, das Emotionen, Interpretationen und Erkennen zulässt.

Die Serie „Muskelspiele“ beschreibt Marion Rauter selbst mit den Worten: „Die Bilder machen auf die Problematik unseres Körperkults aufmerksam. Im Versuch dem Idealbild zu entsprechen machen viele Menschen auch vor Schönheitsoperationen oder der Einnahme von Medikamenten nicht halt und setzen für den perfekten Body sogar ihre Gesundheit aufs Spiel. Sie schleppen sich tagtäglich ins Fitnessstudio, oder lassen sich von ihrem Personaltrainer den Körper modellieren, um unter der Designer Haut-Couture, die Muskeln spielen lassen zu können….“
Wiederum umkreist sie thematisch den Konflikt des äußerlichen Anspruchs nach – vermeintlicher – Perfektion und der körperlichen Begrenztheit des Menschen.

2011 findet der erste Wandersalon statt, den Marion Rauter gemeinsam mit zwei Künstlerinnen-Kolleginnen ins Leben gerufen hat. Zu diesem Zeitpunkt findet in ihren Arbeiten eine Wandlung statt. Während sie in der Wahl von Ausschnitt und Kompostion sowie Farbgebung ihren formalen und stilistischen Merkmalen treu bleibt, ist auf inhaltlicher Ebene eine deutliche Veränderung wahrnehmbar. Statt medialen, anonymen Bildern wählt Marion Rauter nun Fotografien als Grundlage ihrer Werke. Gerhard Richter ist es, der die Fotografie, die seit ihrer Massentauglichkeit als Vorlage für malerische Auseinandersetzungen gedient hat, erstmals unverblümt als Vorlage einsetzt und sie, im Gegensatz zum Fotorealismus, nicht nachmalt, sondern malerisch bearbeitet.

Mit der Wahl der Vorlage findet das persönliche Porträt Eingang in Marion Rauters Œuvre. Erst porträtiert sie im Rahmen des ersten Wandersalons ihre Künstlerinnen-Kolleginnen und schließlich – man möchte fast sagen: endlich! – sich selbst.
Ihr erstes Selbstporträt bringt all das zum Ausdruck, um das es in Marion Rauters Bildern immer gegangen ist, das jetzt jedoch in so persönlicher und kraftvoller Art zum Ausdruck kommt – das menschliche Sein. Man kann dieses Selbstporträt als Transitionsbild im Werk der Künstlerin nennen. Es zeigt eine Frau an der Schwelle der Veränderung. Sie ist stark und erschöpft zugleich. Sie stemmt sich gegen eine patinagrüne Wand als wäre es das eigene Leben. Es scheint, als könne sie nicht mehr und wolle gleichzeitig mit all ihrer zu Verfügung stehender Kraft diese Wand wegschieben. Da ist er: der Übergang vom Schein zum Sein!

Doch noch ist es noch nicht soweit. Es liegt noch ein Weg vor der Protagonistin. Dieser führt über das Erkennen. Marion Rauter tritt ins Bild, mit weit geöffneten Armen, schutzlos, wehrlos, alles auf-sich-nehmend in der körperlichen Haltung des Gekreuzigten. Eine große Geste! Albrecht Dürer hat sich die Ikonografie der Christusdarstellung für „Selbstbildnis im Pelzrock“ (1500) angeeignet. Die frontale Position, der direkte Blick, all das findet sich auch in Marion Rauters Selbstbildnis „Erkennen“ (2011). Hier bin ich – hier gehe ich meinen Weg. Dieser führt „Ins Sein“ (2012). Die Frau steht wiederum an eine Wand gelehnt, doch wendet sie diesmal dem Betrachter den Rücken zu. Sie stützt sich mit den Händen an eine Glasscheibe und schaut hinaus. Wohin ist nicht zu erkennen, aber dort ist eine Welt, die belebt werden will – dort spielt es sich ab, dort ist das Leben mit all dem Schönen, Hässlichen, Verletzlichen, mit all dem Gefühl.

Der innere Kampf des Seins kommt auch in der Arbeit „Tot oder Lebendig“ (2012) zum Ausdruck. Ein Mann – ihr Mann – ist zweimal im Bild. Einmal sitzend, direkt auf den Betrachter schauend, einmal leblos liegend. Der Raum, der ihn umgibt, ist ein Naturraum, ein lebendiger – das erste Mal in Marion Rauters Œuvre. Und doch scheint er keinen Einfluss zu haben auf den Protagonisten. Er sitzt im Leben und kann sich nicht für das eigene entscheiden. Oder wird er es tun? Diese Frage scheint unbeantwortet zu bleiben. Martin Schnur ist einer, in dessen Werken diese Gleichzeitigkeit zweier Bildebenen vorkommt und wie Marion Rauter-Wieser ist er als Maler Autodidakt.

Seit die Persönlichkeit des Künstlers Aufmerksamkeit erhalten hat – d.h. seit den Vitae Giorgio Vasaris – spielt diese im künstlerischen Ausdruck eine zunehmende Rolle. Das Leben des Künstlers findet Eingang in das künstlerische Werk. Interessanterweise sind es die Frauen, die ihr Leben unvoreingenommen in ihrem künstlerischen Werk Visualität verleihen. Frida Kahlo kann hier als das Beispiel genannt werden. Unglücklicherweise wurden die Frauen lange Zeit auf diese Lebensinhalte reduziert und der Wert des künstlerischen Werkes hintangestellt. Doch es tritt Veränderung ein! Die Frauen sind aus dem Schatten getreten.

Auch Marion Rauters Leben spielt eine Rolle in ihrem künstlerischen Œuvre. Die Arbeit in Werbeagenturen hat ihre Aufmerksamkeit auf das in der Öffentlichkeit geprägte Menschenbild gelenkt. Ausgehend von medialen Bildern hat sie in der Serie „Life Style“ das „Zu-sein-haben“ in ein Formenvokabular gebracht, das Widersprüche und Brüche in der Relation zum tatsächlichen Sein darstellt. Wie der Mensch selbst Hand anlegt, um einem Ideal zu entsprechen, hat sie in der Serie „Muskelspiele“ verbildlicht. Und schließlich bricht die Oberfläche auf. Die Werke seit 2011 umkreisen das Sein, unsere inneren Widersprüche und Brüche in Relation zu äußerlichen Ansprüchen und Erwartungen, denen wir doch nie gerecht werden können. Marion Rauters Œuvre ist geprägt von einer Liebe zum Menschen und zeigt eine Kompaktheit und Konsequenz in Bezug auf Tiefe und Ehrlichkeit, die gespannt macht auf alles noch Kommende.

Mag. Nora Theiss (2013)


Being an artist – is a condition that simply is. Or not!
When asked at what point Marion Rauter actually started to paint, she replied that she had always painted. Being an artist – is a condition that well applies to Marion Rauter. Her first exhibitions date back as far as 1991, and since 2001, she has been present in one or more exhibitions every year. Her works can also be found in various public collections.

Marion Rauter’s oeuvres can be categorised into three bodies of work. Starting with ‚Life Style‘, followed by the highly delineated series ‚Muskelspiele‘ [Flexing Muscles] and finally her works since 2011. Even though she compiles her works into series, each one speaks for itself.
However, in all her artistic deliberations, the human being lies at the core. Her experience with work in advertising agencies led the artist to become involved with the thematic content of ‚Life Style‘.
In the course of this, she selected pictures of people in the media and visually processed them. 
The surface, the image, the packaging, being so important in advertising, here played a major role. But Marion Rauter does not stop at these qualities.
Her paintings are not glossy or appealing in the sense of being attractive. She simply uses the aesthetics of high gloss media, adds fissures and contradictions and thus subjectively charges them. Her interpretations appeal because they move you personally.

Similar to Marion Rauter, the Swiss artist Daniele Buetti enlisted the use of advertising images as a basis in the 90s, but contrary to Rauter, who finds and expresses a particular language of form and visual aesthetics, Buetti used a physical hands-on approach. Personal vulnerability is intrinsic to both of them. 

The visual space created by Marion Rauter in ‚Life Style‘ is anonymous and can be separated into areas, sections and cuts.
The portrayed figures, first cropped in ‚Life Style I‘ and ‚Life Style II‘, then step out of the segments as in ‚Life Style III‘ and ‚Life Style IV‘. They require more and more space until they fill it entirely, as they do in works such as ‚Life Style V‘, ‚Life Style VI‘ or ‚Entfremdet‘ [Alienated].

But nevertheless, they continue to be completely reduced bodies without any eye-contact to the outside world. The physical separated from the holistic human existence. And the title? ‚Bauchgefühl‘! [Gut Feeling] An expression that stands for existing and feeling becomes a synonym for the division between body and soul. The continuous fight of the human being in a space is inherent in the works of Marion Rauter. 

Hardly have the figures in the paintings occupied the pictorial space with their physicality – ‚Entfremdet‘ [Alienated] – than they are once more forced to the edge. In her work ‚Lila‘ [Mauve], the pictorial space expands into a diffused nothingness and formally penetrates into the human skin. It becomes all-powerful such as in ‚Moment‘ or oppressive as in ‚Schöne Geliebte‘ [Beautiful Lover]. The conflict of the human being in all its vulnerability and defencelessness, exposed to the danger of having to bow to external pressure or favours and having to confront and resist them, are the main topics of this series.
In Marion Rauter’s works, we find ourselves as observers. They speak to us directly and they move us. This being moved, in turn, yields emotions, interpretations and recognising.

Marion Rauter describes the series ‚Muskelspiele‘ [Flexing Muscles] as follows: „The paintings draw attention to the problem of our body cult. In endeavouring to correspond to their ideal image, many people will not stop at plastic surgery or taking medication and place their health at risk in order to gain the perfect figure. Daily, they drag themselves to fitness studios or have their bodies modelled by their personal trainer in order to be able to flex their muscles under Haut Couture clothes …“ She again thematically revolves around the conflict of external demand for – perceived – perfection and the bodily limits of human beings.

The first Wandersalon [touring exhibition], initiated by Marion Rauter together with two fellow artists, took place in 2011. At this time, her works began to mutate. Whereas she remains true to the formal and stylistic characteristics of her choice of sections and composition as well as the colouring; at the content level, a clear change becomes perceptible.
Instead of medial, anonymous pictures, Marion Rauter now selects photographs as the basis for her works. After photography became available to the general public as a template for artistic confrontation, it was Gerhard Richter who first openly used photography as a background for his work. In contrast to photo-realism, however, he did not merely copy them, but rather incorporated them into his pictures.

With the choice of template, the personal portrait enters the work of Marion Rauter. Initially, for their first touring exhibition, she portrayed her fellow artists and then – one would be tempted to say: finally! – herself. 

Her first self-portrait expresses everything that Marion Rauter has always considered as important in her paintings and that now comes to the fore in such a personal and powerful way – the human existence. In the artist’s work, one could call the self-portrait a picture of transition.
It shows a woman at the threshold of change. She appears both strong and exhausted. She braces herself against a patina green wall as if it was her own life. It appears as if she was at an end but, simultaneously, as if she wanted to push this wall away with all her strength. That is it: the transition from appearing to be, to being!

However, the moment has not yet arrived. The protagonist still has a long way ahead of her. By way of recognition. Marion Rauter steps into the scene with her arms wide open, unprotected, defenceless, shouldering everything in the physical position of Christ crucified. A tremendous gesture! Albrecht Durer adopted the iconography of the depiction of Christ in his ‚Selbstbildnis im Pelzrock (1500) [Self-portrait in a fur coat]. The frontal position, the direct glance, all this can also be found in Marion Rauter’s self portrait ‚Erkennen‘ (2011) [Recognising].

Here I am – and I go my way. This way leads ‚Ins Sein‘ (2012) [Into being]. Once more, a woman stands leaning against a wall, but this time with her back to the viewer. She supports herself with her hands against a window pane looking outside. Where she looks one cannot know, but out there is a world in need of being filled with life – everything is happening there, there is life in all its beauty, ugliness and vulnerability, with all the emotions.

The inner battle of existing is also expressed in the work ‚Tot oder Lebendig‘ (2012) [Dead or Alive]. A man – her husband – appears twice in the painting. 
Once sitting, facing the viewer, once lying lifeless. The space surrounding him is pure nature, is alive – for the first time in the oeuvre of Marion Rauter. Still, it does not seem to have an influence on the protagonist at all. He sits in the middle of life, and yet cannot decide on his own. Or will he? This question seems to remain unanswered.

In Martin Schnur’s works, this synchronicity of two image planes is also present and, 
like Marion Rauter, he is a self-taught painter.

Mag. Nora Theiss (2013)